Gründe für die Wahl von Latein

Totgesagte leben länger – Seit der Jahrtausendwende feiert der Lateinunterricht an deutschen Schulen eine bemerkenswerte Renaissance; so lernen momentan mehr als 800.000 SchülerInnen die Urmutter vieler Sprachen, die sich überall im Alltag wiederfindet, ob in deutschen oder fremdsprachlichen Worten wie „Computer“ (computare – zusammenrechnen) oder „election“ (engl.: Wahl / lat.: electio), oder in lateinischen Übersetzungen von „Harry Potter“ oder wikipedia.
Die SchülerInnen lernen damit in den ersten Jahren anhand von Lehrbüchern die Grundlagen der lateinischen Sprache sowie der europäischen Kultur und Gesellschaft, und beschäftigen sich in der späteren Lektürephase mit einer Vielzahl an Klassikern der Weltliteratur, übersetzen verschiedene Texte (vom Epos über die römischen Sagen bis hin zu politischen Reden) ganz verschiedener Autoren, seien es Philosophen wie Seneca, Politiker wie Caesar und Cicero oder Lyriker wie Ovid und Catull.
Doch welcher Sinn und Nutzen lässt sich heutzutage ziehen aus einem Unterricht über Sprache, Kultur und Literatur der Antike? Ein ganz bedeutsamer: Nicht nur hat sich der Lateinunterricht in den letzten Jahren stetig methodisch und inhaltlich zu ganz neuer moderner Vielfalt weiter entwickelt, knüpft mit Themen wie „Die römische Familie“ oder mythologischen Abenteuern an Alltag und an Neugier der SchülerInnen an; er behandelt auch vordergründig die Bedeutung und Rezeption von schon in der Antike begründeten Ideen zu Sprache, Kunst oder Politik in der heutigen europäischen Gesellschaft. Das Fach Latein thematisiert damit Grundlagen menschlichen Zusammenlebens und verhilft zu Allgemeinbildung; es verknüpft die Förderung sowohl sprachlicher und methodischer als auch kultureller und persönlicher Kompetenzen; damit beansprucht es als Universalfach nicht nur eine wichtige Rolle gerade im Fächerkanon des Gymnasiums, sondern trifft nicht zuletzt in Zeiten zusammengekürzter Lehrpläne oder eines zusammenwachsenden Europas den Nerv der Zeit.
Im Folgenden möchten wir für Sie als Information einige der wichtigsten Argumente für die Wahl von Latein als zweiter Fremdsprache vorstellen:
Latein als Zugang zum Verständnis von Sprache und dem Umgang mit Texten
Im Gegensatz zu den modernen Fremdsprachen geht es im Lateinunterricht nicht um das Sprechen oder Schreiben der gelernten Fremdsprache, sondern darum, durch das genaue und kritische Übersetzen lateinischer Texte in die deutsche Sprache Kenntnisse über Regeln und den Aufbau von Sprache im Allgemeinen zu erlangen.
Hierbei geht es nicht um stumpfes Auswendiglernen von Grammatik oder Vokabeln. Stattdessen werden mit Latein als Reflexionssprache sowohl das Ausdrucksvermögen in der eigenen Muttersprache geschult als auch sinnvolle Grundkenntnisse für das Erlernen weiterer moderner Fremdsprachen geschaffen, denn Grammatik und Vokabular der romanischen Sprachen (mehr als 90% des Wortschatzes), aber auch des Englischen (hier sind es noch mehr als 60%) basieren zum großen Teil auf Latein.
Zudem ist Latein aufgrund des logischen Aufbaus und des begrenzten Wortschatzes nicht schwerer als andere Fremdsprachen.
Nicht zuletzt entwickeln die SchülerInnen im Lateinunterricht, der die Originaltexte römischer Autoren nicht nur übersetzen, sondern auch interpretieren, diskutieren und hinterfragen lässt, Fähigkeiten des konzentrierten Umgangs mit und des gezielten Verständnisses von Texten, die sowohl in der Schule wie auch in zahlreichen Berufen sehr wertvoll sein können.
Latein als „kulturelles Grundlagenfach“ und Weg zu vertiefter Allgemeinbildung
Diese ganz verschiedenartigen Texte befassen sich mit unterschiedlichen Themen aus Geschichte, Kunst und Kultur, Philosophie, Recht, Literatur, Mythologie und Religion des römischen Reiches und behandeln damit Grundlagen der heutigen westlichen Zivilisation. Das Weltkulturerbe der lateinischen Sprache und der römischen Gesellschaft legte den Grundstein für die Entwicklung heutiger politischer Systeme und des Kontinents Europa: zu den ehemals römischen Provinzen zählen Gebiete und Kulturräume von Spanien bis zur Türkei und dem arabischen Raum; die in der lateinischen Dichtung behandelte römische Mythologie beeinflusste bedeutende europäische Künstler; Philosophen und Politiker wie Seneca oder Cicero beeinflussten spätere Denker wie Hobbes oder Rousseau und befassten sich mit den Grundlagen von Demokratie, die später zum Aufbau solcher Systeme in Europa oder Amerika anregten. Der Lateinunterricht thematisiert diese Einflüsse auf die heutige Zeit und lehrt damit nicht nur anhand des historischen Abstands das Bewusstsein für eigene Kultur und Gesellschaft und ihre Ursprünge, sondern kann über die gemeinsamen Wurzeln beitragen zu einem Austausch der Kulturen und einem Zusammenwachsen Europas.
Latein als „Basiswissenschaft“ und Zugang zum wissenschaftlichen Arbeiten
Das Lateinische ist noch heute die Sprache der Wissenschaft und auch in diesem Sinne zeitlos. Das Lernen der lateinischen Sprache eröffnet die Möglichkeit, das Fachvokabular einer Vielzahl von Disziplinen, sei es Medizin, Geschichte, Philosophie oder internationales Recht, besser zu verstehen und anzuwenden.
Darüber hinaus ist das Latinum noch heute Zugangsvoraussetzung für eine Vielzahl von Studiengängen vor allem in den Sprach- und Gesellschaftswissenschaften; für eine noch größere Anzahl an Fächern in den Geisteswissenschaften sind Lateinkenntnisse unbedingte Voraussetzung für eine Promotion, da nur so Grundlagen dieser Fächer angemessen erfasst werden können.
Latein als Weg zur Bildung des Geistes und der Persönlichkeit
Der Lateinunterricht schult durch den sorgfältigen, teils langwierigen und kritischen Umgang mit Texten und ihren Inhalten methodische und persönliche Kompetenzen, die vor allem in der heutigen Informationsgesellschaft langfristig in Berufs- und Privatleben wirksam sind. So lernen die SchülerInnen, indem sie Stoffe aus der Antike hinterfragen und auf die heutige Zeit übertragen, und sich mit existenziellen Grundfragen wie „Gibt es einen gerechten Krieg?“ oder „Was sind Glück und Freundschaft?“ auseinandersetzen, den kritischen, reflektierten und analytischen Umgang mit Informationen und entwickeln Abstraktionsfähigkeit auch gegenüber der eigenen Identität und Gesellschaft. Beim Übersetzen wird strukturiertes Vorgehen und diszipliniertes Arbeiten geschult. Nicht zuletzt nutzt gerade der moderne Lateinunterricht seine Möglichkeiten und zu Fächer übergreifendem Arbeiten oder zum Projektunterricht und schult so die Fähigkeit des vernetzten Denkens.
Rahmenbedingungen des Faches am Coppernicus-Gymnasium
Das Fach Latein kann am Copp in der 6. Klasse als zweite oder in der 8. Klasse als dritte Fremdsprache gewählt werden. In der Regel kommen dabei pro Jahrgang eine bis zwei Lerngruppen zustande. In der Oberstufe kann Latein bis zum Abitur weitergeführt und so das Große Latinum erworben werden. Dabei hängt die Größe der Lerngruppen von dem Wahlverhalten der Schüler ab.
Kernziele des Lateinunterrichts sind neben der Vermittlung der Grundlagen der lateinischen Sprache auch der Erwerb der in den Lehrplänen geforderten Kompetenzen. Dabei werden die grundlegende Struktur und ein Basiswortschatz während der Lehrbuchphase in der Orientierungs- und Mittelstufe erarbeitet. Diese erstreckt sich in den G8-Jahrgängen von Beginn der 6. Klasse bis in die 9. Klasse hinein. Während der 9. Klasse kann dann in der Regel schon mit der Lektüre von Originaltexten begonnen werden. Dabei werden zunächst sprachlich und inhaltlich einfache Texte gelesen, um den Übergang zu den komplexeren Schriften in der Oberstufe zu erleichtern. In der Oberstufe werden schließlich lateinische Autoren gelesen, die im Schwierigkeitsgrad auf den Kenntnissen der Mittelstufe aufbauen und sich an den Anforderungen und Korridorthemen des Abiturs orientieren.
Die Fachschaft Latein besteht zurzeit aus vier Kollegen, die in den unterschiedlichen Jahrgängen der Orientierung- und Mittelstufe mit verschiedenen Lehrbüchern arbeiten. In den G9-Jahrgängen wird mit dem „alten“, in den G8-Jahrgängen mit dem „neuen“ Felix-Buch vom Buchner-Verlag gearbeitet. Seit dem Schuljahr 2011/12 wird in der 6. Klasse das Lehrbuch „Actio“ vom Klett-Verlag eingesetzt. Regelmäßige Vokabeltests und vier Leistungsnachweise pro Schuljahr in der Orientierung- und Mittelstufe sichern die erworbenen Kenntnisse.
Die Texte der Lektürephase richten sich nach den individuellen Bedürfnissen der jeweiligen Lerngruppen. Gelesen werden in der Regel Texte von Caesar, Cicero, Ovid, Plinius, Catull, Vergil oder Sallust.
In der 8. Klasse findet regelmäßig während der Projektwoche eine fünftägige Lateinerfahrt zu unterschiedlichen Zielen innerhalb Deutschlands statt. Sie dienen unter anderem der Veranschaulichung der Lebensweise und der Überlieferung des römischen Kulturkreises. Vergangene Fahrten gingen beispielsweise nach Xanten oder nach Trier.
Die Fachschaft Latein ermöglicht und fördert eine über den Unterricht hinaus gehende Auseinandersetzung mit der lateinischen Sprache und Kultur durch die Teilnahme an Fremdsprachenwettbewerben oder dem Certamen Cimbricum.
Informationen zum Latinum
Latinabestimmungen:
http://www.schleswig-holstein.de/Bildung/DE/Service/Schulrecht/Data/L_P/latina.html
Lateinkenntnisse im Studium:
http://www.klassalt.uni-kiel.de/studium/lateinimstudiumdez11.pdf
Informationen zur Oberstufe
Lehrplan für die Oberstufe:
lehrplan.lernnetz.de/index.php
Einheitliche Prüfungsanforderungen (EPA):
www.kmk.org/dokumentation/veroeffentlichungen-beschluesse/bildung-schule/allgemeine-bildung.html
Themenkorridore 2011-2013: www.za.lernnetz2.de/content/lat11.php
Themenkorridore 2014: www.za.lernnetz2.de/content/lat14.php
Didaktik und Methodik
Die Fachschaft pflegt einen kompetenzorientierten Lateinunterricht, in dem die Schüler neben den sprachlichen auch methodische und soziale Fähigkeiten einüben können. Moderne Unterrichtsmethoden, wie beispielsweise kooperative Lernformen oder der Einsatz von Kompetenzrastern, sorgen dabei für Schülerorientierung und befördern die Eigeninitiative der Kinder.
Ein zentrales Anliegen des Lateinunterrichts ist es, auf dem Weg durch die Orientierungs- und Mittelstufe sowohl die besonders leistungsstarken als auch die schwächeren Schüler gleichermaßen zu fördern. Diesem Ziel dienen verschiedene Maßnahmen der Binnendifferenzierung und der jahrgangsübergreifenden Schülervernetzung, wie beispielsweise ein Austausch unter den Lerngruppen oder ein Patensystem, Angebote wie „Lernen durch Lehren“ oder individuelle Lernunterstützung.
Entsprechend den Vorstellungen moderner Didaktik setzt auch das Fach Latein verstärkt auf alternative Leistungsnachweise, die nicht nur die Motivation fördern, sondern auch Teambuilding-Prozesse verstärken und Präsentationssicherheit evozieren.
