Philosophie am Copp

Schule wie auch außerschulische Lernorte haben die Schülerinnen und Schüler hinsichtlich ihres Wissens und ihres Umgangs mit diesem Wissen erheblich beeinflusst und damit auch ihre Wirklichkeitsauffassung geprägt. Die damit einhergehende erste Konsolidierung der eigenen Meinungsbildung und die vermeintliche Sicherheit, verlässliche Ergebnisse gewonnen zu haben, wird auch in dieser Phase von einem starken Bedürfnis begleitet, sich neue Gewissheit im Denken und Handeln zu verschaffen. 
Das Fach Philosophie, das als Wahlpflichtfach neben der Evangelischen Religion seinen Platz hat, kommt diesem Bedürfnis in spezifi scher Weise nach; wie auch das Fach Religion beschäftigt es sich mit den Grundlagen, Bedingungen und Möglichkeiten der menschlichen Existenz. Der Philosophieunterricht erfüllt seine Aufgabe, indem er, seiner fachlichen Tradition entsprechend differenzierte eigene Themen und Problemstellungen formuliert, die sich in ihrer Struktur an den vier kantischen Fragen orientieren.

 

Philosophieunterricht in der Orientierungsstufe 

Liebe Eltern! 
Da Philosophie als Schulfach in der Grundschule nicht unterrichtet wird und viele Eltern dieses Fach auch nicht aus den eigenen Lebenserfahrungen in der Schule kennen, fällt es Ihnen und Ihrem Kind vielleicht schwer, sich Vorstellungen vom Philosophieunterricht in der Orientierungsstufe zu machen. Die Vermittlung des Wissens über Philosophen und deren Lebenswerk ist nicht das eigentliche Anliegen des Philosphieunterrichts, SchülerInnen lernen vielmehr selbständig zu philosophieren (und lernen dabei natürlich auch Methoden und Auffassungen wichtiger Philosophen kennen). 

Das Wort Philosophie kommt aus dem Griechischen und bedeutete – abgeleitet von philia = Liebe und sophia = Weisheit – die „Liebe zur Weisheit“. Durch Philosophieren wollten die Denker der Antike, im gedanklichen Wettstreit und durch Abwägen verschiedener Vorstellungen, Weisheit gewinnen, um so das rechte Leben zu gewährleisten. Wonach sollten wir Menschen streben? Worin unterscheidet sich „gutes“ Verhalten vom „schlechten“? Welches Wissen haben wir eigentlich um gerechtfertigte Urteile (über andere) zu fällen? Was wissen wir von dieser Welt, was können wir überhaupt wissen? Wie können wir unsere Lebensvorstellungen vernünftig begründen? Wie können wir zu gleichen, allgemein anerkannten Auffassungen in einer Gemeinschaft kommen? Mit solchen Fragen haben sich Philosophen von der griechischen Antike bis zur Neuzeit beschäftigt. Am Anfang stand meist der Zweifel gegen- über vorgegebenen Vorstellungen. 

Von Sokrates überliefert ist der berühmte Satz: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ In seinen schriftlich aufgezeichneten Dialogen ließ Platon (*428/427 v. Chr. in Athen, † 348/347 v. Chr. in Athen) seinen Lehrmeister Sokrates immer wie- der hinterfragen, was man (anerkannt) zu wissen meinte und gelangte so schließlich zu besser und sicher begründbarem Wissen. Diese Methode, im Gespräch den eigentlichen Sinn von bekannten Begriffen und Vorstellungen gegenseitig zu prüfen und abzuklären, hat sich bis heute im Philosophieren erhalten. 

Philosophieren in der Orientierungsstufe erwächst oft aus der kindlichen Neugierde, mit der sogar Alltägliches und Selbstverständliches noch spielerisch in Frage gestellt wird. Kinder haben in diesem Alter noch die Fähigkeit, der Welt staunend und unbekümmert zu begegnen und sich über neue Erfahrungen zu wundern. Wenn ein Kind fragt: „Was wäre, wenn ...?“ oder „Könnte dies nicht auch anders sein?“, dann erlebt es seine Welt durchaus selbstbewusst, im Licht vielfältiger Möglichkeiten. Kinder in der 5. Klasse fragen noch voller Neugier: Wie nah muss ich an einen Gegenstand herangehen, um ihn in seiner wirklichen Größe zu sehen? Wir sehen alle dasselbe, aber wenn wir es malen, sieht es bei jeder und jedem anders aus. Wie kommt das? Können Tiere sprechen? Haben Pflanzen Wünsche? Warum gibt es kein Spiel ohne Regeln? Wer bin ich? Kenne ich mich wirklich? Was darf ich von mir preisgeben? Was ist Freundschaft? Wem kann und darf ich vertrauen? Wo war ich, bevor ich auf die Welt kam? Was ist hinter dem letzten Stern? 

Philosophieren heißt nach dem deutschen Philosophen der Aufklärung, Immanuel Kant (* 1724 und † 1804 in Königsberg), sich im Denken zu orientieren. Im fragenden Nachdenken über die eigenen Erfahrungen prüft man seine Gedanken, tauscht sich fortwährend mit anderen aus und nimmt dabei eigene und fremde Perspektiven wahr. Auf diese Weise lernen Kinder, die eigene Orientierung schließlich sachgerecht und selbstbewusst zu begründen. 

Im Mittelpunkt der Philosophie steht der Mensch, der danach fragt, wie weit seine Erkenntnis reicht und aus welchen Gründen sie sich herleitet, an welchen Werten er sein Handeln und sein Leben mit anderen ausrichten soll, wie er sein Leben insgesamt glaubwürdig deuten kann. Im Philosophieren stärken Kinder ihr Zutrauen zum eignen Verstand und stärken ihre Freude daran, die Tragweite eigener Fragen und Gedanken in den verschiedensten Situationen zu erproben. 

Nach Kant ist die Philosophie in vier wesentliche Themenbereiche unterteilt (die sich so auch im Lehrplan und Lehrbüchern und Arbeitsheften wiederfindet): 

  • Was kann ich wissen? (Erkenntnistheorie) 
  • Was soll ich tun? (Ethik) 
  • Was darf ich hoffen? (Metaphysik) 
  • Was ist der Mensch? (Anthropologie) 

Daraus können sich für den Unterricht in der 5. und 6. Klasse folgende Unterrichtseinheiten ergeben: 
Funktion und Verlässlichkeit unserer Sinne, Namen als Symbole der Wirklichkeit, Bedeutung von Wörtern, Logik im Alltag, Vorstellungen von Raum und Zeit; Freundschaft und Vertrauen, Wahrheit und Lüge, Leben mit Tieren und mit der Natur, Leben mit Behinderten, Leben mit alten Menschen, Leben mit bzw. in der Familie; Glück und Unglück, Vorstellungen von der Entstehung des Universums und der Erde, der Ursprung des Menschen, Endlichkeit und Unendlichkeit; der Mensch als spielendes Wesen, der Mensch als lernendes Wesen. 

Selbstverständlich kann auch im Philosophieunterricht die Frage nach Gott gestellt werden. Eine religiöse Dimension gehört zum Wesen des Menschseins. Kinder stellen z.B. Fragen nach dem Ursprung allen Lebens (Schöpfung) oder nach christlichen Grundannahmen und Grundwerten („Gut“ und „Böse“ in der Welt, die zehn Gebote, das Gebot der Nächstenliebe). Diese Fragen aufzugreifen ist insbesondere deshalb wichtig, weil Schüler und Schülerinnen in einer christlich geprägten Kultur heranwachsen und – wenn sie den Philosophieunterricht gewählt haben – nicht durch den Religionsunterricht (eventuell auch nicht durch den Konfirmandenunterricht) an die Religion herangeführt werden, sodass viele Bezüge zu traditionellen biblischen Motiven und Themen im Unterricht anderer Fächer (z.B. im Literaturunterricht der Sprachen) oft unbekannt sind und unverstanden bleiben.